Mein erstes Jahr als CFD Trader (1/2)





Ich berichte dir heute von meinem allerersten Jahr als CFD Trader und von einer unglaublichen Achterbahn der Gefühle im schlimmsten Beruf der Welt.

 
 
 
Es gab diesen Zeitpunkt, an dem ich mir mal wieder gesagt habe:

„Es ist Zeit, etwas neues an der Börse auszuprobieren“. Klar habe ich das mal wieder zu mir gesagt, da ich in den Jahren zuvor mit meiner Geldanlage alles war, außer erfolgreich.

Andererseits las ich im Internet und in verschiedenen Foren immer wieder von erfolgreichen Tradern, die Ihr Hobby zum Beruf gemacht haben.

Wow, das Hobby zum Beruf machen..

Diesen Gedanken hatte ich zuletzt im Alter von 15 Jahren verworfen, als ich mich gegen die Karriere als Profifußballer entschieden hatte.

„Was also fehlt mir mit Anfang 20 noch, um ein erfolgreicher Börsianer zu werden?“ Schließlich hatte ich bereits eine Ausbildung zum Bankkaufmann hinter mir und eine Qualifizierung zum Investmentberater.  Ebenso habe ich unzählige Bücher über Börse gelesen und war täglich nah am Marktgeschehen.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich mit Aktien (BlueChips, Tech-Werte und Penny-Stocks) und Hebelprodukten (Knock-Outs, Optionsscheine) bereits einen ordentlichen 4-stelligen Betrag versenkt.
 
 
 

Es kam der Tag aller Tage..

 
Durch einen Tipp eines Bekannten wurde ich auf eine Trading-Community aufmerksam gemacht, in der angeblich professionelle CFD Trader täglich Ihre Zeit verbrachten und Ihr geballtes Wissen einem jungen Publikum aus solchen Pflegefällen wie mir, gegen Zahlung eines Beitrags, mitteilten.

Probeweise bewarb ich mich und wurde direkt für die Nutzung des Forums freigeschaltet.

Nach wenigen Minuten konnte ich mich vor Euphorie kaum noch retten. Was hier abging, war schier unglaublich.

Eine Hand voll Profi Trader postete hier die eigenen Trades in Echtzeit und abends das Ergebnis des Handelstages und des Gesamtstands seit Jahresbeginn.

Darunter unterschied man zwischen der Scalper-Fraktion, die Ihre Trades innerhalb von Minuten wieder beendete und in der Regel mit 20-50 Punkten zufrieden waren, sowie den Swing-Tradern, deren Anlagehorizont schon mal ein paar Tage betragen konnte.

Ich interessierte mich hauptsächlich für die Trades eines bestimmten Traders („Joe“). Er handelte CFDs.

Joe postete in der Regel so etwas: „Kauf Dax Long 8800“. Wenige Minuten später dann: „Verkauf Dax Long 8800 bei 8840. +40 Punkte“

Dieses Szenario wiederholte er mehrmals am Tag für diverse Indizes und Forex-Märkte. Am Ende des Tages hatte er ein Plus von 550 Punkten erwirtschaftet und noch 7 offene Positionen, die im Minus lagen.
 
 

„Mein Gott, wenn dieser CFD Trader 550 Punkte am Tag macht, dann sind das im Jahr mal locker 100.000 Punkte!!“ Wenn ich pro Punkt mit einem Euro handel, dann … krass.. Wahnsinn!!!“

Die Euphorie lies mich nicht mehr los. Vor allem da er nicht der einzige CFD Trader in dieser Community war, der so schnell so viel Geld machte. Da er aber der augenscheinlich erfolgreichste unter den Profis war, folgte ich ihm von nun an mit besonderer Aufmerksamkeit.

Ich schaute auf mein Depotkonto eines deutschen Anbieters. Dort schlummerte noch die Aktie eines insolventen Solarzellenanbieters mit 0,01 EUR Gegenwert und ein ETF, den ich viel zu hoch gekauft hatte. Mein Verrechnungskonto zeigte mir 90,- EUR Wert an. Mit diesem Betrag war nicht viel zu machen.

Glücklicherweise erhielt ich aus einer Steuerrückzahlung aber einen netten Betrag, von dem ich mir 2000,-  EUR abzwackte und gleichzeitig einen CFD Account bei ETX-Capital eröffnete.
 
 

Der erste Börsentag als CFD Trader konnte beginnen.

Ich wollte einfach nur die Trades von Joe nachmachen und jeweils mit 1 CFD pro Trade dabei sein.

Ich besuchte um 08:00 Morgens voller Vorfreude das Forum und bemerkte, dass Joe bereits zwischen 03:00 und 07:00 Uhr ganze  3 Trades auf den Nikkei getätigt hatte, mit einem Plus von 230 Punkten. Dieser Zug war also bereits abgefahren.

Doch kurze Zeit später folgte ich einem erneuten Einstieg, diesmal auf den Dax.

Unbarmherzig wechselte der Positionswert im Sekundentakt von roter Farbe auf weiße Farbe, bis sich die weiße Farbe zu meiner Freude durchsetzte.  Joe verkaufte den Dax Trade nach 30 Punkten . Die Zeit seiner Order über den Eintrag im Forum bis hin zu meiner eigenen Verkaufsorder dauerte wahrscheinlich nur 20 Sekunden. Für mich bedeutete das aber, dass ich „nur“ noch mit 25 Punkten Gewinn (=25 EUR) verkaufen konnte.
 
 

Egal, mein erster Trade, mein erster Gewinn!

Nach diesem Sytem musste ich jetzt nur noch 4x täglich vorgehen und wäre bereits in einem Jahr bei wahnsinnigen 24.000 EUR Gewinn! Wenn ich dann noch die Positionsgröße stetig erhöhen würde… Ich konnte mein Glück kaum fassen…

Unglaublich, der Typ war wie eine persönliche Gelddruckmaschine!

Ich fing direkt an, den (noch nicht mal erwirtschafteten) Ertrag in Sportwagen umzurechnen. Ich bin leidenschaftlicher Fan von Aston Martin, ein gebrauchter V8 Vantage wäre in 2 Jahren locker drin! In ein paar Monaten könnte ich bereits als Vollzeittrader handeln und meinen 9-5 Job kündigen! Ich war für diesen Tag der glücklichste Tradinganfänger der Erde!

Die nächsten Tage verliefen ähnlich positiv und mein Depotkonto wuchs auf 2700 EUR an. Zwei Long-Positionen auf den Nikkei hatte ich noch im Bestand, dort entwickelte sich der Markt anders als die von Joe erwartete Positionierung. „Egal, wenn der Nikkei weiter fällt, kaufe ich nochmal günstig nach. Die Gegenbewegung kommt bestimmt bald“, sagte ich zu mir selbst.
 
 
 

Des Traders Risikomanagement

 
Es lief ganz gut in den ersten Wochen. Die meisten Indizes hatten zuvor ordentlich korrigiert und den nächsten Aufschwung konnte ich, bzw Joe, erfolgreich nutzen.

Für den Nikkei galt das allerdings nicht! Und nach ein paar Wochen hatte ich bereits 3 offene Positionen mit 1000 EUR Buchverlust. Ich wusste zwar was eine Stopp-Loss Order war, doch nun wollte ich den schönen Gewinn der letzten Wochen nicht mehr hergeben. Außerdem tradet Joe auch ohne SL und entgeht somit dem „Abfischen“ der Broker.

Ich bekam trotzdem langsam ein ungutes Gefühl und suchte nach Aussagen und Meinungen  anderer Trader über einen bald wieder steigenenden Nikkei. Irgendwo mussten doch positive Nachrichten meine Grundausrichtung bestätigen.

Doch nun drehten auch die amerikanischen Indizes und die Yen-Pairs wieder auf Short-Modus, wogegen sich der Nikkei natürlich nicht wehren konnte.

Eine weitere Woche verging und der Buchverlust der Nikkei-Positionen wuchs auf -1600 EUR. Ich wurde zunehmend nervöser und fing an, auf eigenen Faust sinnlose Trades einzugehen, um den Verlust im Nikkei mit Gewinnen aus anderen Positionen auszugleichen.

Nun wurde es noch schlimmer..

Die Indizes testeten allesamt die Jahrestiefs und meine bestehenden Positionen lagen nun allesamt im Minus. Ich musste eine Entscheidung treffen.

Mein freies Kapital, welches ich zum Handeln verwenden konnte betrug nur noch 400,- EUR. Joe hingegen tradete munter weiter.

Mich plagten die ersten Selbstzweifel bis hin zu purer Angst. Der Aston Martin verschwand irgendwo im Nebel meiner wirren Gedanken.

Ich starrte nur noch auf das Forum und drückte minütlich die F5-Taste, in der Hoffnung, das Joe einen Masterplan bereitstellte.

Ich fragte mich: „Wieso kann Joe seine Verluste so lange laufen lassen?“
 
Als ich ihn auf mein Dilemma ansprach, sagte er:

„Oh mein Gott, bist du wahnsinnig? Du kannst mich doch nicht einfach so nachhandeln, ohne dir über angepasste Positionsgrößen und Absicherungen Gedanken zu machen?!

Tim, ich trade ein Millionenkonto und ziehe jedes Jahr eine ordentliche Summe vom Tradingkonto ab. Ich würde erst in Bedrouille kommen, wenn der DAX unter 2000 Punkte fällt und alle anderen Indizes eine ähnliche Entwicklung nachmachen würden. Mir kann also eigentlich gar nichts mehr passieren.

Dir hilft jetzt nur noch hedgen, aber das wird kein Kinderspiel. Und außerdem sind wir auf den Jahrestiefs, da ist es für Hedging eigentlich auch zu spät.“

 

Also zog ich für meine offenen Positionen in DAX, DOW und Nikkei einen Hedge Short ein und hatte den Verlust somit festgezurrt. Da mein Broker nicht das gleichzeitige Long und Short Handeln in einem Index ermöglichte, musste ich den Hedge Short zu den bestehenden Long-Positionen jeweils über den Future eingehen.

Würde der Markt weiter fallen, so fiel mein Depotwert nicht mehr. Was aber, wenn der Markt nun steigt?

Tatsächlich hatte ich diese Hedge Shorts auf dem getesteten Jahrestief eingezogen. Dreimal darfst du Raten wie sich die nächsten Wochen entwickelten…

Hier geht es zum zweiten Teil

 
 
 

Tim Grueger

Tim ist sowohl Gruender von tradingfreaks.com als auch Trader. Er ist Bachelor of Science (Finance) und hat bereits fuer mehrere Banken gearbeitet. Tim handelt mit CFDs, FX sowie ETFs und betreut ebenso Depots privater Investoren.