So handelst du Carrytrade Strategien im Forexmarkt

Hedgefonds, Investmentbanken und auch private Trader können mit Carrytrade Strategien am Devisenmarkt hohe Renditen einfahren. Wie das geht erfährst du hier.

 

Wir starten mit einem kurzen Überblick über die Funktionsweise eines Carrytrades und schauen uns erfolgreiche Beispiele aus der Vergangenheit an.

In erster Linie geht es also darum, zu verstehen, was genau ein Carrytrade ist und wo Chancen und Risken liegen.

Eins vorweg: Mit Carrytrades lassen sich solide Renditen erwirtschaften, doch wie immer gilt: Je höher die Rendite, desto höher auch das Risiko.

 

Was ist ein Carrytrade?

Bei dieser Strategie bewegen wir uns sowohl auf dem Devisenmarkt, als auch auf dem Zinsmarkt.

Im Forexhandel werden bekanntlich immer Paare gehandelt. EURUSD, GBPUSD, CADJPY, usw. Wenn ich ein FX Paar handel, kaufe ich die eine Währung und verkaufe zeitgleich die zweite Währung in diesem Paar.

Für einen Carrytrade suchen wir uns nun ein Währungspaar, in dem das Land von Währung A aktuell niedrige Leitzinsen hat und das Land von Währung B aktuell hohe Zinsen führt.

Das Ziel des Carrytrades ist weniger die Spekulation auf einen Kursgewinn, sondern vielmehr ein „sicherer“ Zinsgewinn.

Ich nehme also Geld in der Niedrigzins-Währung (Verkauf) und lege es im Land der Hochzins-Währung (Kauf) an.

Wie funktionieren Carrytrades in der Praxis?

Betrachte ich den aktuellen Zinsmarkt in den Ländern mit liquiden und stabilen Währungssystemen, sehe ich zum Beispiel ein niedriges Zinsniveau in der Eurozone und ein höheres Zinsniveau in Australien (ja, der Australien-Dollar ist eine liquide und beachtete Währung 🙂 ).

Der Leitzins in der EU liegt bei 0,00%, der Leitzins in Australien bei 1,75%, sodass ich auch ein Delta von 1,75% habe. Die Perspektive der nächsten Monate zeigt mir, dass weder die EZB, noch die Reserve Bank of Australia den Leitzins verändern werden.

Ich selektiere also das Währungspaar EUR/AUD für einen Carrytrade.

Als nächstes widme ich mich den Funktionen des Forexhandels. Wie du weißt, können wir im Kassahandel 24 Stunden werktags handeln. Über die LOT Einheit bestimme ich zudem meine Positionsgröße und kann hier vom Hebeleffekt profitieren.

Nehmen wir also an, dass ich 1 LOT handeln möchte, dann bewege ich 100.000 EUR. Ich gehe also mit der Positionsgröße 1 in den EURAUD und zwar „Short“.

Mit dem Short verkaufe ich den EUR, was bedeutet, dass ich EUR aufgenommen und auf dem Markt angeboten habe. Gleichzeitig kaufe ich mit dem Short den AUD und lege mein Geld somit dort an.

Ich profitiere nun von einem höheren Zinssatz als in Europa aktuell gegeben.

 

Wie erfolgt die Zinszahlung im Forexhandel?

Wenn wir an unsere jämmerlichen deutschen Spareinlagen denken, wissen wir, dass wir einmal im Jahr oder mit Glück quartalsweise, Zinsen gutgeschrieben bekommen. Es gibt sogar Leute die behaupten, es hätte früher mal attraktive Zinsen gegeben…

Im Forexhandel läuft die Zinszahlung zum Glück anders ab.

Im FX Kassahandel haben wir zwar einen 24 Stunden Handel, doch jeden Abend gibt es einen Tagesschnitt (meistens um 23:00 Uhr deutscher Zeit). Wenn wir zu diesem Zeitpunkt noch einen Forextrade geöffnet haben, bauen wir sozusagen eine „Übernachtposition“ auf, die uns zur Zinszahlung berechtigt.

Somit bekommen wir jeden Abend eine Zinszahlung!

Kurze Anmerkung: Würden wir das Währungspaar nicht als Carrytrade handeln, sondern umgekehrt, würden wir Zinsen zahlen müssen!

Nehmen wir einmal an, wir würden den Carrytrade über ein Jahr lang halten, so bekämen wir auf 100.000 EUR eine Verzinsung von 1.750 EUR (1,75%).

Doch da wir im Forexhandel effektiv keine 100.000 EUR für diesen Trade hinterlegen müssen, sondern lediglich eine Margin, die selten über 1% liegt, bekommen wir die 1.750 EUR Verzinsung auf einen Anlagebetrag von 1.000 EUR gutgeschrieben. Die Rendite beträgt also nicht 1,75% sondern 175%. Nett, oder?

Hört sich doch fast nach einem risikolosen Gewinn an. Aber auch nur fast…

 

Was sind Chancen und Risiken der Carrytrade Strategie?

Wir haben bereits gesehen, dass wir über die Zinsdifferenz in den Ländern zweier Währungen einen Gewinn erwirtschaften können.

Doch es gibt eine weitere Komponente, die sowohl Chance als auch Risiko ist: Der Wechselkurs.

Würde in unserem Beispiel der EUR steigen, haben wir einen Buchverlust, der irgendwann realisiert werden muss (spätestens beim Margin Call). Würde der EUR fallen, haben wir zusätzlich zum Zinsertrag einen Buchgewinn.

Da wir im Forexhandel mit Hebel handeln, ist es äußerst wichtig, die Positionsgröße richtig zu wählen. Denn bei einem zu hohen Hebel ist der Carrytrade schnell beendet, wenn der Kurs in die falsche Richtung läuft und das Kapital aufgebraucht ist.

Folgende Parameter können den Wechselkurs nachhaltig beeinflussen:

  • Zinsniveau in einem der Länder ändert sich
  • Geldpolitische Ausrichtung ändert sich (z.B: auch Interventionen)
  • Geopolitische Lage angespannt
  • Wirtschaftlicher Abschwung in einem der Länder

Besonders der letzte Punkt ist nicht zu verachten, wenn man als Carrytrade eine exotischere Währung als den AUD wählt, zum Beispiel den russischen Rubel! Hier haben wir ein Zinsniveau von ca 9%, was den Zinsgewinn natürlich enorm vergrößert. Doch auf der anderen Seite ist Russland immer wieder von Sanktionen durch die EU und USA betroffen, was den Kurs abschwächt.

 

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 Gibt es Beispiele aus der Historie?

Wir wollen jetzt noch einmal den wohl berühmtesten Carrytrade begutachten. Dazu gehen wir in die 90er Jahre zurück.

Die Japanische Notenbank (BOJ) hat in den 90ern aufgrund deflationärer Probleme angefangen, den Leitzins kontinuierlich zu senken. Im Zuge dessen wertet der Japanische Yen immer weiter ab. Die Zinsen tendierten zur 0% Grenze, wogegen das Zinsniveau in den USA bei 5% stand.

Was machte der findige Hedgefondsmanager? Er hat sich japanische Yen geliehen und in US Staatsanleihen und US Aktien angelegt. Und zwar im großen Stil.

Der Yen musste also jährlich 5% gegen den USD an Wert gewinnen und der Fondsmanager hatte noch keinen Verlust. Und was war passiert? Der USDJPY stieg in den Jahren 1995-1998 von 80 auf 140! Viele Hedgefonds machten nicht nur den sicheren Zinsgewinn, sondern verdienten zusätzlich unverschämt viel Geld durch den Kurssprung im USDJPY.

Über Jahre hat der JPY die Aktienmärkte und vor allem Schwellenländer unterstützt. Immer wieder gab es aber auch Tage, an denen der JPY massiv gestiegen ist und der ein oder andere Carrytrader musste seine Position absichern bzw. mit Verlust schließen.

Den absoluten Bruch des JPY-Carrytrades erlebten Investoren im Zuge der Finanzkrise in 2007, als der JPY als Safe-Heaven-Flow massiven Zulauf aus dem Aktienmarkt fand. In wenigen Tagen wurden die Carrytrade-Gewinne mehrerer Jahre vernichtet.

Als Ergänzung zu diesem Beitrag gibt es hier einen weiteren in englischer Sprache:

https://www.bloomberg.com/news/articles/2017-06-01/carry-trade-defined-or-why-interest-rates-matter-quicktake-q-a

 

 

Fazit:

Carrytrades haben genauso Vor- und Nachteile, wie alle anderen Trading Strategien auch. Je höher die Differenz zwischen den Zinssätzen der beteiligten Länder, desto eher muss man von wirtschaftlichen Schwierigkeiten ausgehen.

Betrachten wir heute die Hochzinsländer wie Brasilien, Russland oder die Türkei, dann sehen wir zwar gute Carrytrade-Chancen, aber ebenso auch politische Unwägbarkeiten. Damit gibt es immer die Gefahr von Währungsverlusten, die den Zinsgewinn aus dem Carrytrade gefährden oder auch übersteigen.

Es kann also Sinn machen, eine solidere Währung mit politischer Stabilität zu wählen, den tendenziell niedrigeren Zinsgewinn in Kauf zu nehmen, aber dafür weniger Währungsrisiko im Portfolio zu haben.

Hast du Erfahrungen mit Carrytrades gemacht oder Ergänzungen zu diesem Beitrag? Dann nutze gerne die Kommentarfunktion!

 

Tim Grueger

Tim ist sowohl Gruender von tradingfreaks.com als auch Trader. Er ist Bachelor of Science (Finance) und hat bereits fuer mehrere Banken gearbeitet. Tim handelt mit CFDs, FX sowie ETFs und betreut ebenso Depots privater Investoren.

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