Mein erstes Jahr als Trader (2/2)

Dies ist die Fortsetzung zu den Ausführungen über mein allererstes Jahr als  Trader und den wahnsinnigen Stimmungs- und Depotschwankungen.


 
Fortsetzung …

(wenn du den ersten Teil verpasst hast, klicke hier)
 
Auch diesen Teil kannst du dir bei Speakstaff anhören [Hier klicken]
 

 
Im ersten Teil hatte ich zuletzt von meiner gnadenlosen „Überhebelung“ und dem Einziehen von Hedge-Shorts berichtet.

Da meine Kontogröße überhaupt nicht zu der Anzahl an ungesicherten Positionen passte, wurde ich zu diesem Schritt gezwungen. Anderenfalls wäre mein Depot bei einem weiteren Fallen der Märkte um 1-2 %, „platt“ gewesen.

Ich hatte also überhaupt keine andere Möglichkeit, der Markt hatte mich in seinen Krallen.

Nun hatte ich also auf dem Jahrestief sämtliche Longengagements in DAX, DOW und Nikkei mit Shorts im jeweiligen Future abgesichert. Alleine der Dax war bis dahin über 11% vom letzten temporären Hochpunkt gefallen.

Die soeben erwähnten Märkte, in denen ich positioniert war, fielen am selben Tag noch ein paar Punkte unter die bisherigen Jahrestiefs und verabschiedeten sich so ins Wochenende.

 

Mein Schwiegervater als perfekter Kontraindikator

 
Samstags stand ein Besuch bei meinen Schwiegereltern an. Als ich aus dem Auto stieg kam mir mein Schwiegervater entgegen und sagte grinsend: „Na, alle Aktien weg“?  Ich verstand zuerst nicht was genau er meinte mit „Aktien weg“.  Wie können Aktien weg sein? Meinen blöden Gesichtsausdruck hatte er wohl verstanden und ergänzte: „In Zeitung und Radio heißt es, dass die Aktienmärkte gerade crashen!“

Mein Gesichtsausdruck besserte sich zwar nicht nach dieser Aussage, allerdings lag dies jetzt an einer Mischung aus Erstaunen und Erleuchtung.

Wenn mein Schwiegervater anfängt von Aktien und Börse zu sprechen, dann hat die aktuelle Marktsituation endlich das gemeine Volk erreicht!

Das hat natürlich nichts mit mangelnder Wertschätzung zu tuen, sondern verdeutlichte mir nur, dass selbst die Leute, die überhaupt nichts mit Börse am Hut hatten nun anfingen, über Crash und Weltuntergang zu philosophieren.

Einen Tag später, es war Sonntag, wagte ich noch mal einen ehrfürchtigen Blick in mein Depot.

Aus den einst 2700 EUR waren weniger als 400 EUR Liquidationswert übrig. Immer noch hatte ich leichte Angstzustände, sobald ich an den möglichen Margin Call meines Brokers dachte. Andererseits hatten mich die Aussagen meines Schwiegervaters positiv gestimmt. Schließlich besagte eine Regel von Warren Buffet: Kaufen wenn die Kanonen donnern und niemand mehr Aktien haben will.

Wenn die Märkte am Montag öffnen, würde ich einen Teil der Shorts sofort wieder verkaufen.

Den Plan um 08:00 Uhr morgens umgesetzt, hatte ich nun wieder eine Long-Übergewichtung in meinem Depot. Und tatsächlich,  Nikkei und DAX stiegen um jeweils 0,5% und schleppten auch den Dow Future mit hoch. Mein Depot erholte sich etwas und ich atmete dreimal tief durch. Bis 11:00 Uhr konnte ich wegen eines Termins dann nicht mehr am Bildschirm sitzen.

 

Panik, noch mehr Panik und dazu falsche Entscheidungen

 
Um kurz nach 11 Uhr saß ich wieder am Schreibtisch und schaltete den Bildschirm an.

„Oh mein Gott!!!“ Es durfte nicht war sein. Ein kurzer Blick auf meinen Liquidationswert und aus dem Glücksgefühl von heute morgen wurde nackte Panik! Der 5-Min Chart vom DAX zeigte mir in der morgens gewählten Einstellung den aktuellen Kurs überhaupt gar nicht mehr an. Die lange rote Kerze war einfach nach Süden weggebrochen und irgendwo im nirgendwo gelandet!

Es kam noch schlimmer:

Der Broker hatte die Nikkei Position automatisch geschlossen, das dicke Minus war realisiert.

Mein Puls bewegte sich in ungesunder Höhe und aus der Panik heraus machte ich wiederum das, was ich nicht hätte morgens aufgeben sollen: Hedgen!

Die verbliebenen Positionen waren nun wieder festgezurrt und es blieb die noch immer unbeantwortete Frage: Wie soll ich da wieder raus kommen?

Im Forum machte sich unter den anderen Trading Anfängern ebenfalls Panik breit. Ein Konto nach dem anderen ging Pleite. Die Stimmung war katastrophal.

Die alten Hasen hingegen waren erstaunlich ruhig. Man las nichts von Ihnen. Keine Trades, keine Ratschläge. Konnte das war sein? Jetzt wo man Hilfestellung an allen Ecken und Enden gebrauchen konnte war niemand da?

 

Mit US-Eröffnung sackten die Märkte um weitere 1-2% ab und dann passierte es:

Die Märkte stiegen. Nein, das war kein Steigen. Das war Sprinten!

Volumen und Volatilität zogen so dermaßen an, dass diverse Broker überhaupt nicht mehr hinterher kamen und enorme Probleme mit der Kursstellung hatten.

„Schön zusehen“, dachte ich mir, „aber eh nur eine kurze Gegenbewegung, mehr nicht“.

Denkste. Die letzte 10-Min-Kerze im Dax hatte bereits mit 60 Punkten und astreinem grünen Körper geschlossen. Die folgende Kerze zuckte nur kurz und weiter ging die wilde Fahrt. Ein Blick auf die US-Indizes signalisierte das gleiche Muster, es hatte nun etwas von Synchron-Schwimmen.

Die 4h-Kerze schloss mit einem gewaltigen Hammer. Ich wusste, dass der Hammer ein Signal der Trendwende war, dennoch traute ich mich nur sehr zaghaft, die Shorts aufzulösen.

Mein Problem war schlicht und einfach, dass ich Angst vor der Realisierung von Verlusten hatte. Joe verkaufte ja schließlich auch nur im Plus.

In den folgenden Tagen zogen die Märkte weiter an und mein Depot erholte sich auf Grund der leichten Long-Übergewichtung. Allerdings traute ich mich nicht, weitere Long Positionen aufzubauen. Die letzten Tage hatten mich einfach zu sehr geprägt. Ich ging weiterhin von einem Fortsetzen der Korrektur aus. Nachts wachte ich nun regelmäßig schweißgebadet auf, um den Kurs des Nikkei zu checken.

Die Wochen vergingen und die Märkte hatten sich weiter erholt, ebenso mein Depot. Trotz dieser Erholung hatte ich immer noch die Shorts an der Backe, die ich ja bei wesentlich tieferen Kursen nicht verkaufen wollte. Wie bei meinen ersten Long Positionen hatte ich auch hier nicht einmal an das Einsetzen von Stop-Loss Ordern gedacht.

Folglich hatte ich Shorts auf dem Jahrestief und Longs nahe dem Jahreshoch – welch tolle Positionierung!
 
 
Es nahte der Hexensabbat.

Meine Shorts hatte ich wie erwähnt über die Futures des jeweiligen Index gewählt und nun kam zu allem Überfluss die zeitliche Komponente ins Spiel.

Mein Liquidationswert dümpelte irgendwo zwischen 1000 und 1200 EUR. Die Trades von Joe konnte ich mir gar nicht mehr leisten. Bereits nach dem 4h- Hammer im Dax hatte er beherzt zugegriffen. Mir war das zu dem Zeitpunkt gar nicht möglich und selbst wenn ich gekonnt hätte, die Panik in den Stunden zuvor und die Angst vor weiteren Fehlentscheidungen saß tief und fest in mir.

Am Verfallstag stand der DAX fast 400 Punkte über dem Jahrestief. Meine Shorts wurden ausgebucht und mein Depotwert war mit einem Mal im niedrigen dreistelligen Bereich angelangt.

Trotz des niedrigen Depotstands hatte ich irgendwie das Gefühl eines bereinigenden Neustarts. Es war mir bis heute eine Lehre, ohne vernünftiges Risikomanagement agiert zu haben.

Die Strategie eines anderen Traders blind nachzuhandeln, ist sehr gefährlich. Nicht nur die unterschiedliche Kontokapitalisierung, auch die mentale Einstellung zu bestehenden Buchverlusten passte in meinem Fall einfach nicht zu dem Handelssystem meines Vorbildes.

Ich nutzte die folgenden Wochen um ein eigenes Handels-Setup zu definieren, welches zu meinen Fähigkeiten und Veranlagungen passte. Anschließend habe ich ein halbes Jahr lang gespart wie ein Weltmeister und in dieser Zeit ausschließlich Backtests mit dem neuen Setup durchgeführt, bis mein Depotkonto wieder im oberen 4-stelligen Bereich gefüllt war und ich einen Neustart wagen konnte.

Bis heute habe ich, resultierend aus diesen turbulente Wochen, meine Angst vor Verlusten noch immer nicht vollends überwunden, was sich besonders im zu frühen Realisieren von Gewinnen bemerkbar macht.
 
 

Die Lernkurve eines Traders

 
Was ich aber heute habe, ist eine einfache Strategie, die pro Trade maximal 2% meines Depotwertes riskiert und die durch striktes Risikomanagement schon beinahe langweilig ist.

Und genau da liegt der Schlüssel zum Erfolg.
 
Die erfolgreichen Trader haben fast alle diese Horror-Szenarien durchlebt. Vielleicht gehört diese Erfahrung zur Reife eines Traders einfach dazu.

Wie trennt sich aber nun die Spreu vom Weizen?

In erster Linie haben erfolgreiche Trader Ihren Stil gefunden und ziehen diesen stur und konsequent durch. Sie überlegen nicht mehr, welcher Indikator vielleicht noch mehr rausholen könnte.

Ebenso wenig lassen sie sich von den Meinungen anderer beeinflussen. Ich kenne einen Trader, der bewusst alle News im Laufe des Tages ausblendet – nur der Blick auf den „nackten“ Chart. Das muss jeder für sich entscheiden.

Der größte Unterschied besteht meines Erachtens jedoch in der mentalen Reife!

Dazu gehören das Ausblenden von Emotionen, die Unterdrückung von Gier und zu guter letzt: Die innere Ruhe und Gelassenheit.

Das einzige worum es beim Trading geht und was ich dir als Fazit aus diesem Beitrag mit auf den Weg geben möchte sind folgende Worte:
 
Beständigkeit und Duplizierbarkeit!

Mit zunehmender Reife und zunehmender Trading-Erfahrung wirst du wissen, was ich damit meine.

Bis in Kürze!

Tim

P.S:

Ich hätte all die Fehler nicht bzw in weniger schmerzvoller Art und Weise gemacht, wenn ich früher das absolut geniale Buch Trading Psychologie von Norman Welz studiert hätte.

Diese Lektüre ist für alle Trader Pflicht und hilft dir, sowohl dein Trading erfolgreich zu gestalten, als auch mehr über deine eigene Persönlichkeit zu erfahren. Denn die hat mehr Einfluss auf dein Trading als dir lieb ist;)
 

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Tim Grueger

Tim ist sowohl Gruender von tradingfreaks.com als auch Trader. Er ist Bachelor of Science (Finance) und hat bereits fuer mehrere Banken gearbeitet. Tim handelt mit CFDs, FX sowie ETFs und betreut ebenso Depots privater Investoren.